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Heinrich Heine und seine Düsseldorfer Heimat

Professor Dr. Dr. Alfons Labisch

Der Rektor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hielt diesen Vortrag auf dem Stiftungsfest zum Jubiläum am 20. März 2007.

Die Düsseldorfer Jonges sind am 16. März 2007 75 Jahre alt geworden. Ein großer und großartiger Heimatverein in einer großen und großartigen Stadt. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen, dem Vorstand und besonders dem Baas, der uns alle – ich bin selbst auch Mitglied der Jonges – zusammenhält. 
Einen Vortrag zu einem 75jährigen Geburtstag zu halten, ist allemal eine Ehre. Diesen vor und für die Düsseldorfer Jonges halten zu dürfen, zeichnet die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in besonderer Weise aus. Herzlichen Dank dafür! 
Einen Vortrag über Heimat zu halten, das kann nicht nur Emotion sein, da muss auch etwas ratio hinzukommen. Gefühl und Verstand miteinander zu verknüpfen, ist die elementare Eigenschaft  der  Kunst.  Musik,  zum  Beispiel,  rührt  uns  nicht  mathematisch an, obschon es kaum etwas Mathematischeres gibt als die Harmonielehre.  Musik  erreicht,  wenn  sie  gut  ist,  unser  Gefühl, unser Empfinden – und zwar jenseits aller Sprache! Das gilt, wie die Jonges wissen, besonders für das gemeinsame Singen des Jongesliedes am Ende jeder Veranstaltung. Wollen wir Heimat, Verstand, Herz und Gefühl zusammenbringen, sind – so meine ich – Dichter oder Schriftsteller gefragt. 
Thomas Mann fällt einem ein mit „Die Buddenbrooks“, dem grandiosen Gemälde einer Bürgerfamilie in seiner Heimatstadt Lübeck. Die Lübecker mochten diese Darstellung des bürgerlichen Lebens zunächst nicht. Eine Versöhnung mit dem Autor ergab sich erst, als der Nobelpreis keine andere Wahl mehr zuließ! Aber ist Heimat nur jenes positive, vielleicht sogar sentimentale Gefühl und Empfinden? Nein: Es kann auch Ärger sein, Enttäuschung, Wut, ja Verzweiflung wie in Thomas Manns „Tonio Kröger“, in dem er seine eigene, völlig gescheiterte Schulzeit in Lübeck verarbeitet. 
Viele Autoren haben sich in ihren Werken immer wieder auf ihre Heimat bezogen. So auch Peter Handke, ein in Düsseldorf heiß diskutierter, dafür aber kaum gelesener und noch weniger verstandener Schriftsteller aus Kärnten. Seine Vorfahren waren Flüchtlinge aus Slowenien. Schon als kleiner Junge träumte er von jenem „Neunten Land“, einst habsburgisch, dann jugoslawisch, in dem alle Völker, alle Kulturen, alle Religionen friedlich zusammen leben. Und dieser Traum wird zerstört! Da kann ein Schriftsteller – und zwar mit nicht dichterischen Mitteln – wirklich böse werden! 
Was liegt in Düsseldorf näher, als über den bekanntesten Sohn der Stadt, Heinrich Heine, und seine Heimatstadt zu sprechen. Ist das einfach? Einfacher als bei Thomas Mann oder Peter Handke? Kann sich Düsseldorf guten Gewissens als Heimat Heinrich Heines bezeichnen? 
Die Urteile Heines über seine Heimatstadt  sind ebenso bekannt wie vernichtend und widersprüchlich, aber auch altersabhängig! So heißt es als Beispiel unter vielen in „Ideen. Das Buch LeGrand“: „Ja, Madame, dort (eben in Düsseldorf) bin ich geboren, und ich bemerke dieses ausdrücklich für den Fall, dass etwa nach meinem Tode sieben Städte – Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bockum, Dülken, Göttingen und Schöppenstädt – sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein!“ Düsseldorf wird in eine Reihe mit Schilda als Stadt der Schildbürger, mit Krähwinkel als Ort der Kleinstädterei, mit Dülken als Sitz der Narrenakademie gestellt. Übrigens stritten sich auch sieben Städte, die Heimatstadt von Homer zu sein! 
Auch in seinen Schulerinnerungen, von denen er in der „Harzreise“ erzählt, lässt Heine häufig genug die Distanz zu seiner Heimat erkennen: „Die lieben Knaben, fast alle rotbäckig, blauäugig und flachshaarig, sprangen und jauchzten und weckten in mir die wehmütig heitere Erinnerung, wie ich einst selbst, als kleines Bübchen, in einer dumpfkatholischen Klosterschule zu Düsseldorf den ganzen lieben Tag von der hölzernen Bank nicht aufstehen durfte, und so viel Latein, Prügel und Geographie ausstehen musste, und dann ebenfalls unmäßig jauchzte und jubelte, wenn die alte Franziskanerglocke endlich zwölf schlug.“ Oder ebenfalls aus seiner Schulzeit: „Indessen auch das Französische hat seine Schwierigkeiten und zur Erlernung desselben gehört viel Einquartierung, viel Getrommel, viel appren dre par coeur, und vor allem darf man keine bête allemande sein. Da gab es manches saure Wort, ich erinnere mich noch so gut, als wäre es erst gestern geschehen, dass ich durch la religion viel Unannehmlichkeiten erfahren. Wohl sechsmal erging an mich die Frage: ,Henri, wie heißt der Glaube auf französisch?‘ Und sechsmal, und immer weinerlicher antwortete ich: ,Das heißt le credit.‘ Und beim siebenten Male, kirschbraun im Gesicht, rief der wütende Examinator: ,Er heißt le religion!‘ und es regnete Prügel und alle Kameraden lachten. Madame, seit der Zeit kann ich das Wort Religion nicht erwähnen hören, ohne dass mein Rücken blass vor Schrecken und meine Wange rot vor Scham wird. Und ehrlich gestanden, le credit hat mir im Leben mehr genützt als le religion.“ 
Die Erinnerungen an die Zeiten, die Heine in seiner Düsseldorfer Heimat verlebte, waren also mehr als zwiespältig. Das dürfte wohl vielen so ergehen, wenn sie an ihre Schulzeit denken. Für Heine erhebt sich allerdings die Frage, wie überhaupt bei dem deutschjüdischen Dichter, der in Hamburg und Frankfurt lebte, in Göttingen, Berlin und wieder Göttingen Jura studierte und in Göttingen am 20. Juli 1825 mit Examen und Promotion abschloss, sich kurz zuvor in Heiligenstadt protestantisch taufen ließ, der in Hamburg und München als Redakteur tätig war bis er 1831 nach Paris emigrierte und dort bis zu seinem Tode (1856) lebte, der also länger an derswo als in seiner Heimatstadt verbrachte, überhaupt von Heimat gesprochen werden darf? Denn Heine bringt nicht nur Düsseldorf, sondern auch Deutschland und die deutsche Sprachein Verruf, so z. B. im Brief an Christian Sethe vom 14. April 1822: 
„Alles, was deutsch ist, ist mir zuwider, und Du bist leider ein Deutscher. Alles Deutsche wirkt auf mich wie ein Brechpulver. Die deutsche Sprache zerreißt meine Ohren. Die eigenen Gedichte ekeln mich zuweilen an, wenn ich sehe, dass sie auf Deutsch geschrieben sind. Sogar das Schreiben dieses Billets wird mir sauer, weil die deutschen Schriftzüge schmerz haft auf meine Nerven wirken!“ 
Wo liegt, was ist Heines Heimat? So ist hier zu fragen: Düsseldorf? Deutschland? Die deutsche Sprache? Hier müssen wir allgemein fragen: Was ist überhaupt mit Heimat gemeint? Ist Heimat die Gegend, die Landschaft oder die Stadt, in der wir geboren sind? Oder weist Heimat über den Ort hinaus auf das Vaterland oder die Nation, mit der sich der Betroffene identifizieren kann? Vielleicht ist es hilfreich, sich vor Augen zu halten, dass Heimat ein sehr deutscher Begriff ist, den Übersetzungen nur sehr unvoll ständig wiedergeben. Denn „le pays d’origine“ oder „le berceau“ besitzen im Französischen nicht den gleichen Klang, vielleicht am ehesten „la patrie“. Auch die englischen Begriffe „country“, „home“ oder „homeland“ reichen bei Weitem nicht an das deutsche Wort Heimat heran. Wie sagt Heine so schön: „… die Deutschen (haben) die merkwürdige Gewohnheit …, daß sie bei allem, was sie tun, sich auch etwas denken.“ (Die Harzreise) 
Tatsächlich entwickelt Heine seinen Heimatbegriff aus einer Gegenbegrifflichkeit. Das bedrückende Gefühl, heimatlos zu sein, beschreibt Heine 1827 anlässlich einer fünfmonatigen Reise nach England: „Gar wunderlich sind doch die Menschen! Im Vaterlande brummen wir, jede Dummheit, jede Verkehrtheit verdrießt uns. Wie Knaben möchten wir täglich davon laufen in die weite Welt; sind wir endlich wirklich in die weite Welt gekommen, so ist uns diese wieder zu weit, und heimlich sehnen wir uns oft wieder nach den engen Dummheiten und Verkehrtheiten der Heimat. Und wir möchten wieder dort in der alten, wohlbekannten Stube sitzen und uns, wenn es an ginge, ein Haus hinter dem Ofen bauen, und warm darin hocken und den Allgemeinen Anzeiger der Deutschen lesen. So ging es auch mir auf der Reise nach England. Kaum verlor ich den Anblick der deutschen Küste, so erwachte in mir eine kuriose Nachliebe für jene teutonischen Schlafmützen und Perückenwälder, die ich eben noch mit Unmut verlassen, und als ich das Vaterland aus den Augen verloren hatte, fand ich es im Herzen wieder.“ (Englische Fragmente IV)
Ein anderer deutscher Vordenker in dieser Richtung ist Bernhard Schlink, bis 2005 Richter am Verfassungsgericht NRW. In seinem Essay „Heimat als Utopie“ nähert sich Schlink der Heimat ebenfalls über einen Gegenbegriff: Exil. Exil sei nicht nur eine Metapher für die Entfremdung, die vor allem exilierte Intellektuelle im und nach dem Zweiten Weltkrieg verinnerlicht hatten. Erst im Exil, so Schlink, erst dann, wenn Heimat fehlt, dann werde Heimat am intensivsten erlebt. 
Wenn Heimat erst dann als Heimat erscheint, wenn sie nicht mehr – oder noch nicht wieder – da ist, dann ist Heimat ein NichtOrt, also eine Utopie! Das Gesetz, unter dem der Exilierte, der seiner Heimat Beraubte, in aller Regel leben muss, ist das Gesetz der fremden Sprache. In der Denkschrift „Ludwig Börne“ von 1840 – Heine lebt bereits neun Jahre in Paris – heißt es: 
„Glücklich sind, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hinmodern, (…) denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen, und deutsche Luft weht hindurch und der Schlüsselmeister, wenn er nicht ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache! (…) Es sind heute sechs Monde, daß kein deutscher Laut an mein Ohr klang, und alles, was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in ausländische Redensarten. (…) Ihr habt vielleicht einen Begriff vom leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscher Dichter sich eine Vorstellung machen, der sich gezwungen sähe, den ganzen Tag französisch zu sprechen, zu schreiben und so gar des Nachts, am Herzen der Geliebten französisch zu seufzen! Auch meine Gedanken sind exiliert, exiliert in eine fremde Sprache.“ (Ludwig Bör ne V)
Beispiele dieser Art, wie sehr Heine unter Heimweh, unter der Erfahrung des Exils gelitten hat, lassen sich beliebig erweitern. Aber es muss gleichzeitig die Frage gestellt werden, wie es zu diesem Heimweh kommen konnte. Denn ebenso unübersehbar und deutlich zu belegen ist Heines Liebe zu Frankreich, dem geweihten Land, den Franzosen und Paris. So antwortet  Heine  auf  die  Frage, wie es ihm in Paris ergehen würde: „So sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr sagen Sie, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragen würde: Wie Heine in Paris!“ (Heine an Ferdinand Hiller, 24. Oktober 1932)
Was also war bereits vor der Abreise Heines aus Deutschland nach Paris, also vor seinem selbst gewählten Exil, geschehen, dass ihm Deutschland keine Heimat mehr sein konnte, Deutschland und Düsseldorf ihm gewissermaßen zu NichtOrten, zur Utopie wurden? Hier muss auf Heines unendliche, vor allem seelische Mühen hingewiesen werden, sich in die Gesellschaft der Deutschen einzugliedern. Zwar wollte sich Heine kulturell as similieren, aber das Stigma seiner jüdischen Geburt wurde er nicht los. So verschwieg er Details seiner jüdischen Konfession im Göttinger Immatrikulationsbuch, gibt Jahre vor seiner Taufe seinen Namen nicht mit Harry, sondern schon mit seinem Taufnamen Heinrich an und lässt sich 1825 protestantisch taufen. Erst mit seinem physischen Verfall und seiner Matratzen gruft, also ab 1847, versucht er nicht länger, sich seines Judentums zu schämen, erst dann gibt er den Kampf gegen Indiskretionen auf. Von da an datieren auch wieder freundlichere Bekenntnisse zu seiner Heimat: „Meiner edlen und hochherzigen Mutter, die so viel für mich getan, sowie auch meinen teuren Geschwistern, mit denen ich im ungetrübtesten Einverständnisse gelebt, sage ich ein letztes Lebewohl: Leb wohl, auch Du, deutsche Heimat, Land der Rätsel und der Schmerzen, werde hell und gücklich.“ (Hein rich Heine am 26. Februar 1847) Auch das Heimweh wird häufiger bedichtet, so in „Lebensfahrt“ (Neue Gedichte, Zeitgedichte) oder in „Deutschland. Ein Wintermärchen“. 
Heimat, das haben wir bei Heine gelernt, ist zwiespältig, Lust und Last zugleich. Heimat ist ein Traum! Heute, hier im Kolpingsaal – ein schönes Ensemble der 1960er Jahre – freuen wir uns auf den neuen Bürgersaal. Wenn wir dann eines Tages im Bürgersaal sein werden, dazu noch den Gefahren der Ratinger Straße ausgesetzt, werden wir an den Kolpingsaal zu rückdenken: „Näh, watt wor datt schön!“ 
Heimat – nein, danke! Das war der Ausgangspunkt beim frühen Heine. Aber später lesen wir jene berühmten Zeilen: „Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehen. Und wenn ich sage nach Hause gehen, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin. Diese Haus wird einst sehr merkwürdig sein, und der alten Frau, die es besitzt, habe ich sagen lassen, daß sie beileibe das Haus nicht verkaufen solle. Für das ganze Haus bekäme sie jetzt doch kaum so viel, wie das Trinkgeld betragen wird, das einst die grünverschleierten, vornehmen Engländerinnen dem Dienstmädchen geben, wenn es ihnen die Stube zeigt, worin ich das Licht der Welt erblickt, und den Hühnerwinkel, worin mich Vater gewöhnlich einsperrte, wenn ich Trauben genascht, und auch die braune Türe, worauf Mutter mich die Buchstaben mit Kreide schreiben lehrte – ach Gott, Madame, wenn ich ein berühmter Schriftsteller werde,so hat das meiner armen Mutter genug Mühe gekostet.“ (Ideen, Das Buch Le Grand)
Heimat – ja gerne, das halten wir mit Heinrich Heine dem schnöden Nein entgegen; wir alle brauchen eine Heimat! Der Düsseldorfer hat sie: im Heimatverein Düsseldorfer Jonges! Herzlichen Glückwunsch nochmals – Ihnen und uns allen!
(aus dem Almanach zum 75. jährigen Jubiläum des Heimatvereins)

 Termine & Veranstaltungen

  Jeweils Dienstag, 20.00 Uhr, im Henkel-Saal, Ratinger Str. 25

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MAI
Anton Betz, ein Verleger zwischen Weimar und Bonn
Referent: Dr. Peter Henkel, Historiker
29
MAI
Fukushima, ein Jahr danach – Was wissen wir heute?
Referent: Dipl. Volkswirt Jürgen Rehmann
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40 Jahre Tischgemeinschaft Willi Weidenhaupt
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