Kopfplastik Christian Dietrich Grabbe

Nur knapp zwei Jahre, von Dezember 1834 bis Ende Mai 1836, lebte Christian Dietrich Grabbe in Düsseldorf. Nach ihm hat die Stadt den früheren Friedrichplatz, den heutigen Grabbeplatz benannt.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen an der nördlichen und die Kunsthalle mit dem Kommödchen an der südlichen Seite machen diesen Platz zu einem wichtigen kulturellen Standort.
Der Heimatverein "Düsseldorfer Jonges" ehrte den Dichter Christian Dietrich Grabbe, "den deutschen Shakespeare", wie ihn die Nachwelt,
die ihn sehr spät zu verstehen begann, nannte, mit der Einweihung einer Grabbe-Ecke in seinem Vereinsheim "Schlösser" am 13. September 1932. In deren Mittelpunkt stand auf einem Podest eine vom Bildhauer
Ernst Gottschalk † geschaffene Terrakotta-Büste des "langverkannten Dichters". Diese Büste steht heute im Vereinsheim der Jonges in der Mertensgasse 1 (zur wechselvollen Geschichte dieser Büste siehe auch: Gedenktafel Dieckmann ).
Was ist der Hintergrund dieser Düsseldorfer Ehrungen? Christian Dietrich Grabbe zählt gemeinsam mit dem 13 Jahre jüngeren Georg Büchner zu jenen großen Theaterschriftstellern des Vormärzes, deren Bedeutung aufgrund ihrer visionären Modernität erst lange nach ihrem Tod, erst im 20. Jahrhundert weithin erkannt wurde.
Die hohen Erwartungen, die einige weitblickende Zeitgenossen schon in den 1830er Jahren, also zu seinen Lebzeiten, in Grabbe setzten, wurden durch dessen frühen Tod zunichte gemacht.
In Düsseldorf, wo Grabbe von 1834 bis 1836 in seinen letzten Lebensjahren in der Ritterstraße 21 wohnte, war es der berühmte Theaterdirektor Karl Immermann, der ihn förderte und ein Auskommen am Theater verschaffte.
Grabbe vollendete in dieser Zeit seine Tragödie "Hannibal" und verfasste eine überaus kritische Abhandlung mit dem Titel "Das Theater zu Düsseldorf mit Rückblicken auf die übrige deutsche Schaubühne".
In dieser Schrift ging er hart mit der Spielplanpolitik seines Gönners Immermann ins Gericht, der aus seiner Sicht mit allzu viel Trivialem das Publikum zu ködern versuchte. Grabbe machte damit dem alle Ehre, was Brecht einmal über die unerkannten, die "kleineren Genies" gesagt hat: "Einige versagten in der Kunst des Speichelleckens, welche von einigen der Größten meisterhaft beherrscht wurde."
Das Leben des 1801 im lippischen Detmold geborenen Grabbe stellt sich als eine Folge von Enttäuschungen, Niederlagen und Demütigungen dar. Nach dem Abitur begann er in Leipzig zunächst ein Jurastudium, das er jedoch 1823 abbrach, um an einem größeren Theater tätig zu werden. Nach vergeblichen Bewerbungen an den Theatern von Dresden, Leipzig, Braunschweig und Hannover kehrte Grabbe, vorläufig gescheitert, nach Detmold zurück.
Zu dieser Zeit hatte er bereits zwei seiner heute bekanntesten Werke, den "Herzog Theodor von Gothland" und das Lustspiel "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", vollendet, die jedoch niemand spielen wollte.
Also holte Grabbe seine juristische Staatsprüfung nach, erhielt jedoch nur eine schlecht dotierte Vertretungsstelle als Militärrichter.
1829 erlebte der nebenberufliche Autor seinen vielleicht größten Theatererfolg, die Uraufführung seines Dramas "Don Juan und Faust" in Detmold mit einer Bühnenmusik Albert Lortzings.
Schon damals begann sich Grabbes Gesundheitszustand rapide zu verschlechtern, wofür vor allem seine jahrelange Alkoholabhängigkeit verantwortlich gemacht wird.
Nach einem kurzen, rundum unglücklichen Zusammenleben mit der Tochter eines lippischen Archivrates, die er 1833 geheiratet hatte, suchte Grabbe 1834 nach Fluchtmöglichkeiten aus dem provinziellen Detmold, wo er aufgrund seiner unsteten Lebensweise längst ins Gerede gekommen war. Ein Hilfsangebot Karl Immermanns, der Grabbes schriftstellerische Fähigkeiten erkannt hatte, brachte Grabbe nach Düsseldorf.
Grabbes Werk brachte einen völlig neuen, modernen Ton in die ansonsten eher laue Bühnenschriftstellerei des mittleren 19. Jahrhunderts.
Auf der Bühne herrschten unterhaltsame, geschickt gebaute Trivialstücke sowie eine politisch entschärfte, idyllische Biedermeier-Dramatik vor. Grabbe schrieb das Gegenteil: seltsam verquer konstruierte Dramen mit rasch wechselnden, grell-realistischen Szenen, ohne effektvollen Spannungsaufbau, ohne "höhere Moral", zum Teil - wie etwa sein "Herzog Theodor" - von anarchischer Grausamkeit und provozierender Obszönität.
In seiner in Düsseldorf zu Ende gebrachten Tragödie "Hannibal" schildert Grabbe wie auch in zwei weiteren Dramen eine große geschichtliche Gestalt, die in ihrer Mission scheitert.
Die vom zeitgenössischen Bildungsbürgertum so bewunderten historischen "Helden" unterliegen bei Grabbe der Sinnlosigkeit der Geschichte. Im Mittelpunkt steht der gebrochene, "leidend die Epoche ertragende Mensch" (Benno von Wiese).
In Düsseldorf sollte Grabbe die Berichterstattung für das neu gegründete Stadttheater übernehmen, dessen Leiter Karl Immermann von 1835 bis 1837 war. Zunächst kam es zu einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Bühnendirektor und seinem neu gewonnenen Autor, für dessen Lebenswandel er anfangs großes Verständnis aufbrachte.
Die für Grabbes Produktivität zunächst sehr förderliche Arbeitsbeziehung kühlte sich allerdings recht schnell ab, woran beide Seiten Verantwortung zu tragen scheinen.
Immermann förderte zwar Grabbes schriftstellerische Tätigkeit, zeigte sich am "Hannibal" interessiert und ließ ihn den "Ur-Hamlet" übersetzen. Er brachte aber augenscheinlich nicht den Mut auf, selbst einmal ein Stück von Grabbe auf den Düsseldorfer Spielplan zu setzen.
Im November 1835 schrieb Grabbe an einen Stuttgarter Freund:
"Mit Immermann steh ich auf eigenem Fuß. Er hat viel für mich getan, aber bald Spannung, bald Friede."
Kurze Zeit später war der Kontakt zwischen Theaterdirektor und Autor abgerissen. Grabbe verbrachte jetzt fast den ganzen Tag in verschiedenen Düsseldorfer Kneipen, vor allem im "Drachenfels" in der Rheinstraße, wo er sich mit anderen Künstlern und Intellektuellen traf und betrank.
Ende Mai 1836 verließ Grabbe Düsseldorf und kehrte zurück nach Detmold ­ "was immer besser ist, als ein wohlfeiler Sturz in den Rhein, wofür ich mich noch zu teuer achte", wie er seinem Detmolder Freund Leopold Petri brieflich mitteilte.
Noch im selben Jahr ist Grabbe krank und völlig mittellos in Detmold gestorben.

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