Bronzeplastiken Louise Dumont und Gustav Lindemann

Die Büsten von Louise Dumont und Gustav Lindemann im Schauspielhaus erinnern an das wohl berühmteste und bedeutendste Ehepaar der deutschen Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts. Die beiden passionierten Theatermacher gründeten 1905 das Düsseldorfer Schauspielhaus und lenkten seine Geschicke bis zu dessen nationalsozialistischer Gleichschaltung im Jahr 1933. In diesen fast drei Jahrzehnten setzten sie Standards für das Theaterleben in Deutschland, die bis heute Bestand haben, und erarbeiteten dem Düsseldorfer Schauspielhaus einen außergewöhnlichen Ruf, der immer wieder weit über die Grenzen der Stadt und der Region hinausreichte. Um die Jahrhundertwende war mit dem Sprechtheater in der rheinischen Metropole kein Ruhmesblatt zu gewinnen gewesen. Das Stadttheater war ein von der Stadt subventioniertes Pachtunternehmen, das mit schnell und billig produzierten Unterhaltungsstücken einerseits und pathetischen Klassikerinszenierungen andererseits um ein Publikum kämpfte, das weit mehr dem Musiktheater, der Oper und Konzerten zugetan war. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Viele Theaterschaffende der damaligen Zeit erlebten die Rheinländer als zwar sehr vergnügungsorientierten, aber nicht sehr kunstsinnigen Menschenschlag. Oft wurde beklagt, wie wenig aufgeschlossen selbst das großstädtische Düsseldorfer Publikum für neue ästhetische Entwicklungen war.
Gleichwohl schien Düsseldorf um 1900 für Menschen mit innovativen Ideen ein interessantes Pflaster. Die Einwohnerzahl stieg zwischen 1893 und 1910 rasant von 200 000 auf 360 000 Einwohner. Eine große Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung im Jahre 1902 lockte Geschäftsleute aus allen Teilen Deutschlands an, die hier die neuesten Errungenschaften der technologischen Revolution bewundern konnten. Auf dem Fundament einer immer noch boomenden Schwerindustrie entwickelte sich Düsseldorf mehr und mehr zu einem Verwaltungs- und Administrationsstandort für das aufstrebende Ruhrgebiet.
Es war wohl mehr dieser prosperierende wirtschaftliche Hintergrund als die - doch eher schwach ausgeprägte - Kulturszene, der das junge, ehrgeizige Künstlerpaar Louise Dumont und Gustav Lindemann 1905 nach Düsseldorf führte. Die beiden hatten nämlich früh erkannt, das eine anregende, über die Alltagsroutine hinausreichende Theaterarbeit vor allem einer soliden finanziellen Ausstattung bedarf. Die materiellen Unwägbarkeiten, die ein Künstlerleben stets latent gefährden, hatte der 1872 geborene Lindemann bereits vor seinem Düsseldorfer Unternehmen reichlich kennen gelernt. Aus dem Internat, in dem er als Vollwaise mit zwei Brüdern seine Kindheit verbracht hatte, holten ihn Verwandte siebzehnjährig nach Berlin, wo er - gedrängt von der Familie - eine kaufmännische Lehre absolvierte. So wenig er den Kaufmannsberuf schätzte, dürfte er in dieser Zeit doch eine Reihe von Kenntnissen und Fähigkeiten erworben haben, die ihn später für die Leitung eines privatwirtschaftlich geführten Stadttheaters besonders qualifizierten: Lindemann konnte mit Geld umgehen und hatte einen Sinn für effiziente Unternehmensführung. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Schauspielschule, mehreren kleineren Engagements in verschiedenen Städten und ersten Erfahrungen als Theaterleiter in Graudenz und Marienwerder gründete er 1900 ein eigenes Tourneetheater, das er mit fast halsbrecherisch anmutendem Anspruch führte, kein gewinnträchtiges Entertainment, sondern ein anspruchsvolles Programm, vor allem Ibsen, anzubieten. Als ihm für seine Tournee im dritten Jahr die Hauptdarstellerin ausfiel, engagierte er ersatzweise Louise Dumont, die sich - zehn Jahre älter als er selbst - als gelernte Näherin am Deutschen Theater Berlin einen Namen als erstklassige Schauspielerin des neuen, psychologisch-realistischen Stils erworben hatte.
Die beiden wurden ein Liebespaar, das nicht nur im Privaten und in der alltäglichen Arbeit, sondern vor allem durch eine gemeinsame Theatervision verbunden war.
Sie träumten von einem Theater, das als Privattheater von staatlichen Subventionen unabhängig und in allen künstlerischen Entscheidungen vollständig autonom, aber zugleich in Stil und Programmgestaltung im höchsten Maße anspruchsvoll sein sollte. Es ging ihnen darum, nach keiner Seite hin Kompromisse machen zu müssen: weder an aufdringliche Kulturbehörden, noch an einen auf leichte Kost eingestellten Publikumsgeschmack. Louise Dumont und Gustav Lindemann schwebte ein ernsthaftes und konzentriertes Sprechtheater vor, das die allerneusten Strömungen der Weltliteratur aufnehmen und handwerklich einwandfrei umsetzen sollte.
Mit dieser klar umrissenen Zielstellung kamen sie - er 32, sie 42 Jahre alt - 1904 nach Düsseldorf, wo sich der Oberbürgermeister Wilhelm Marx gegenüber ihren Plänen aufgeschlossen zeigte. Marx half dem Schauspieler-Paar bei der Gründung einer Betriebsgesellschaft. Das Düsseldorfer Schauspielhaus erhielt damit eine Geschäftsgrundlage, die heute, in Zeiten ausgezehrter Kulturetats, wieder häufig als Rettungsanker in Erwägung gezogen wird: Es wurde eine GmbH eingerichtet, an der sich finanzkräftige Düsseldorfer aus Handel und Industrie, darunter Poensgen, Heye, Thyssen oder Trinkaus, mit großen Einlagen beteiligten. Mit dem Rückenwind eines solchen tatkräftigen Mäzenatentums konnte 1905 in der Kasernenstraße ein von Bernhard Sehring entworfener Theater-Neubau mit 1000 Plätzen eingerichtet werden. Weil Dumont und Lindemann wie viele ihrer Zeitgenossen das Schauspiel als Zentrum des Theaters ausmachten, zugleich aber weder mit dem alten Deklamationsstil noch mit den neuen naturalistischen Schauspieltechniken so recht zufrieden waren, legten sie großen Wert darauf, ihrem Haus auch eine eigene Schauspielschule anzuschließen. Aus dieser "Hochschule für Bühnenkunst" sind so berühmte Theatermacher wie Paul Henckels oder Gustaf Gründgens hervorgegangen.
Die Eröffnungspremiere, Hebbels selten gespieltes Stück "Judith", war ein voller Erfolg und entsprach auch künstlerisch dem, was sich Dumont und Lindemann vorgenommen hatten: Auf eine großspurige Ausstattung und süßliches ornamentales Beiwerk wurde verzichtet, eine klare, nicht zu feierliche Sprache dominierte, Sachlichkeit, nicht Kulinarik war oberstes Prinzip. Die Düsseldorfer nahmen das erstmal so hin und genossen ihr neues Schauspielhaus, architektonisch zwar nicht unbedingt schön und seltsam an eine mittelalterliche Burg erinnernd, aber nichts desto trotz ein zusätzlicher, vortrefflicher Ort zur bürgerlichen Selbstinszenierung nach Feierabend.
Auf Dauer hatten sie dann aber doch Probleme mit dem anspruchsvollen Direktorenpaar: Ausländische Autoren, von denen die Provinzstädter oft nie vorher etwas gesehen oder gehört hatten; Stücke, die eher anstrengend als unterhaltsam daherkamen; zuviel Ernst, zu wenig zum Lachen - all das wurde den beiden Zugereisten im Rheinland bald bitter angekreidet. Trotz hervorragender Kritiken aus dem Ausland - die Pariser Zeitung "L´Illustration" sprach nach einem Gastspiel in der französischen Hauptstadt zum Beispiel von "edler, dramatischer Kunst" - bekam die Vision von Dumont und Lindemann bald empfindliche Kratzer. Seit 1910 war das Düsseldorfer Schauspielhaus entgegen dem ursprünglichen Konzept regelmäßig auf öffentliche Zuwendungen angewiesen. Auch sah sich die künstlerische Leitung gezwungen, das Repertoire zum Volkstümlichen zu öffnen. Einen außergewöhnlichen Publikumserfolg erzielte beispielsweise die 1913 von Paul Henckels inszenierte Komödie "Schneider Wibbel". Auf Boulevardstücke konnte, gerade auch in den Jahren des Ersten Weltkriegs, nicht verzichtet werden.
Dumont und Lindemann, die 1907 in London geheiratet hatten, waren künstlerisch und privat nicht auseinander zu dividieren. Von Louise Dumont sind Hunderte von Briefen an ihren Gatten überliefert, aus denen ersichtlich ist, wie sehr sich die beiden gegenseitig gestützt und inspiriert haben. Nicht glatt und harmonisch, eher komplementär definierten die beiden ihre Beziehung, die Dumont immer wieder differenziert reflektiert hat: "(...) es erscheint mir etwas so Ungeheures, wie wir uns gefunden, daß nur ein unendlicher Segen oder grenzenloses Elend daraus werden kann - ich weiß, du glaubst fest und innig an das Erste: meine, dem Tragischen zuneigende Natur fürchtet Anderes - das ist der einzige Punkt, in dem wir nicht einig sind; oder bedeutet hier Deine und meine Auffassung zusammen genommen auch nur wieder etwas großes Ganzes? - dann will ich gern das Dunkel vertreten, wenn es die Nacht zu Deinem Tage ist." Die gemeinsame Arbeit ließ wenig Zeit für geruhsame Zweisamkeit. Einmal beklagt sich Louise: "Ich wünschte so sehr: in unser Leben käme die Stetigkeit des ruhigen Zusammenseins wenigstens für einige Stunden täglich ...".
Eine solche Stetigkeit war dem Künstlerpaar auch in den Jahren der Weimarer Republik nicht vergönnt. Die Inflation stürzte das Schauspielhaus in große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Da die Stadt inzwischen als Eigentümer des Stadttheaters direkter Konkurrent des Schauspielhauses war, flossen von städtischer Seite kaum noch Subventionen für das Dumont-Lindemann-Unternehmen. Künstlerisch war aber auch diese schwierige Zeit fruchtbar: Der Spielplan berücksichtigte die moderne expressionistische Dramatik und überhaupt die interessantesten zeitgenössischen Autoren, zum Beispiel Bertolt Brecht, dessen "Dreigroschenoper" schon kurz nach der Berliner Premiere von 1928 am Düsseldorfer Schauspielhaus nachgespielt wurde. Wenn es in den 20er Jahren ein Provinztheater gab, das auch vom Berliner Feuilleton aufmerksam und mit Anerkennung beachtet wurde, so war es das Düsseldorfer Schauspielhaus. Mit einer Inszenierung von "Faust II" erregte Lindemann 1932 so viel Aufsehen, dass er gebeten wurde, dieses Stück auch am Berliner Staatlichen Schauspielhaus zu inszenieren, und dass er kurz darauf sogar die Leitung dieser führenden Bühne der Republik angetragen bekam. Dieses ehrenvolle Angebot, das Lindemann allerdings ausschlug, weil er an einem staatlichen Haus seine künstlerische Unabhängigkeit gefährdet sah, hat Louise Dumont schon nicht mehr miterlebt.
Sie starb am 16. Mai 1932 während einer Aufführung von "Faust II", die vom Ensemble, wie es die Chefin nicht nur gewünscht, sondern verlangt hätte, tapfer zu Ende gespielt wurde. Auch Gustav Lindemanns erfolgreichsten und glücklichsten Jahre waren bald vorbei. Als gebürtiger Jude erhielt er im nationalsozialistischen Düsseldorf Arbeitsverbot und musste sein Theater, für dessen Unabhängigkeit er fast drei Jahrzehnte lang gekämpft hatte, an die Stadt abtreten. Mit der Hilfe einflussreicher Freunde, darunter Gustaf Gründgens und der Düsseldorfer Kunstmäzen Ernst Poensgen, gelang es ihm, die NS-Zeit gleichsam in der "inneren Emigration" zu überleben, allerdings ohne künstlerische Wirkungsmöglichkeiten.
Nach dem Krieg hat er sich weitere große Verdienste beim Wiederaufbau des Düsseldorfer Kulturlebens erworben. Gustav Lindemann starb am 5. Mai 1960 im Alter von 88 Jahren.
Die Düsseldorfer Jonges haben 1962 mit den beiden gestifteten Bronzeplastiken von Louise Dumont und Gustav Lindemann eine Patenschaft übernommen. Die Bronzeköpfe fanden im großen Haus ihren Platz, wo sie für die großen Verdienste um das Düsseldorfer Schauspielhaus stehen. In einem ihnen nicht immer freundlich gesonnenen Umfeld haben sie sich mit hohem künstlerischen Anspruch unermüdlich für dieses Haus eingesetzt und damit den Grundstein für ein Theaterleben gelegt, mit dem sich Düsseldorf bis heute auch überregional sehen lassen kann.

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